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Das blinde Kind entdeckt die Welt

Ein Frühförderkind sitzt und hat dabei sein Kind an einem runden Holzspielzeug aufgestützt. Durch Anklicken wird das Bild auf einer neuen Seite vergrößert angezeigt.

„Es ist für mich faszinierend, Einblicke in die Welt eines geburtsblinden Kindes zu bekommen. Je länger ich in der Förderung blinder Kinder tätig bin, umso mehr begreife ich, wie schwer zu erreichen es ist, sich wirklich in die Welt des Kindes hineinzuversetzen. Bei vielen Spielen und Aktivitäten, die für ein sehendes Kind hochinteressant und lustvoll sind, geht die Faszination vom Sehen aus, und auch das Interesse des Kindes wird darüber geweckt. Für blinde Kinder sind es ganz andere Dinge, die begeistern.“, beschreibt Maria Gandler, Leiterin der Pädagogischen Frühförderung beim TBSV ihre Erfahrungen. Die ersten interessanten Spielsachen blinder Kinder sind für lange Zeit Geräuschobjekte. Nur wenn ein Gegenstand Töne von sich gibt, ist er interessant. Neben dem Explorieren mit dem Mund besteht das Untersuchen eines Spielgegenstandes deswegen hauptsächlich aus Klappern, Klopfen und Fallenlassen dieser Objekte, um ihre spezifischen Geräuschqualitäten zu erfahren.

Ein Säugling ist aktiv, weil er viele Dinge sieht und sie haben möchte. Während sehende Kinder bereits mit vier Monaten nach Interessantem greifen, greifen blinde Kinder frühestens mit 10 Monaten nach Geräuschobjekten. Vorher wissen sie einfach noch nicht, dass hinter den meisten Geräuschen ein tastbarer Gegenstand steckt. Auch sind Geräusche seltener und haben viel weniger Aufforderungscharakter als visuelle Reize. Deswegen sammeln blinde Kinder viel weniger Tast- und Bewegungserfahrungen.

Ein blinder Junge riecht an einem Riechhorn aus Holz und kann so verschiedene Düfte intensiv kennenlernen. Durch Anklicken wird das Bild auf einer neuen Seite vergrößert angezeigt.

Die Aufgabe der Pädagogischen Frühförderung ist es nun, dem Kind eine Vielfalt von Dingen bereit zu stellen und sein taktiles Explorieren anzuregen. Besonders wichtig sind dabei reale Objekte, Alltagsgegenstände, Naturmaterialien und besonders Materialien, denen man interessante Geräusche entlocken kann.

Es erfordert eine viel höhere Kompetenz, einen größeren Gegenstand durch Tasten zu erkennen, als ihn mit einem Blick zu erfassen. Das blinde Kind muss sich durch die Aneinanderreihung von hintereinander erfolgten Tasteindrücken ein Gesamtbild erschließen.

Auch das Ordnen und Klassifizieren ist taktil wesentlich schwieriger als visuell. Während ein Zuordnen für ein sehendes Kind oft auf den ersten Blick möglich ist, muss das blinde Kind die vielfältigen Tasteindrücke von mehreren Dingen speichern und vergleichen. Dies ist eine wesentlich höhere kognitive Leistung.

Es ist die Aufgabe und Kunst der Pädagogin, ein Gleichgewicht zu schaffen zwischen strukturierten Lernerfahrungen einerseits und freien, spielerischen Anregungen andererseits. Bei letzteren schafft sie dem Kind die Möglichkeit, die alltäglichen Dinge – z.B. aus der Küche, dem Bad, der Werkstatt, dem Supermarkt... – in ihrer Vielfalt in der natürlichen Umwelt kennen zu lernen.

Bei der strukturierten Lernerfahrung wird das umfassende Explorieren mit speziellem Tastmaterial unterstützt und eingeübt. Es ist sinnvoll, dem Kind erst einmal Dinge anzubieten, die es bequem mit einer oder beiden Händen umfassen kann. So kann das Kind die unterschiedlichen Formen mit seinen Händen umgreifen und mit allen Sinnen kennen lernen. Erst später werden Gegenstände angeboten, die in Form und Größe gleich sind, sich aber im Material unterscheiden, wie z.B. Holz-, Filz-, Kork-, Glas-, Metall-, Plastikkugeln.

Dies führt zum Klassifizieren und Kategorisieren, um so die Mannigfaltigkeit der Umwelt ordnen zu können. Diese grundlegende kognitive Fähigkeit ist später in der Schule von elementarer Bedeutung.

Wegweisend für unsere Arbeit ist der Satz von Milani Comparetti: „Nur dort wo das Angebot den kindlichen Handlungsinteressen entspricht und wo die Kinder emotional beteiligt sind, kann nachhaltiges Lernen stattfinden“.

Ein Beitrag von Maria Gandler