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Aus dem Berufsleben einer blinden Lehrerin: Bianca Vonmetz berichtet

Bianca Vonmetz vor ihrem Computer bei den Vorberitungen auf den Unterricht. Durch Anklicken wird das Bild auf einer neuen Seite vergrößert angezeigt.

Es ist kurz nach halb acht Uhr früh. Ich sitze im Lehrerzimmer und vor mir liegt mein kleiner Organizer, auf dem ich mir gestern meine Unterrichtsvorbereitungen abgespeichert habe. Ich gehe meine heutigen Stunden noch einmal durch und kontrolliere die Materialien für die Schüler. Es ist alles vollständig: Die Arbeitsblätter, die Kärtchen für die Lernspiele und die Dateien auf meinem USB-Stick für jene Schüler, die ausschließlich am Computer arbeiten. Nach der Reihe kommen meine Kollegen ins Zimmer und auch mein Assistent, der mir im Rahmen des Projektes „Persönliche Assistenz am Arbeitsplatz“ zur Bewältigung meiner Aufgaben in und außerhalb des Unterrichts für 5 Stunden in der Woche zur Verfügung steht, hastet zur Tür herein. „Soll ich dir noch etwas kopieren?“ fragt er mich. „Ich hab alles danke, nur die Hausübungswochenpläne müssten wir bitte noch zerschneiden.“ Ich lege ihm ein Blatt hin, das ich am Vortag auf meinem PC zu Hause erstellt und ausgedruckt habe. ... Und schon beginnt der Unterricht und wir gehen in die Klasse.

Mein Name ist Bianca Vonmetz, ich bin 38 Jahre alt und unterrichte größtenteils in den Fächern Englisch und Musik am sonderpädagogischen Zentrum für blinde und sehbehinderte Kinder in Innsbruck - jener Schule, an der ich wegen meiner von Geburt an bestehenden Blindheit selbst meine Volks- und Hauptschulzeit absolviert habe. Die Klassen an unserer Schule sind sehr klein und bestehen aus maximal 6 Kindern, was mir als blinder Lehrerin die Arbeit erheblich erleichtert. Wie Sie schon gemerkt haben, sind Computer und Organizer meine wichtigsten technischen Hilfsmittel, ohne die meine Arbeit nicht möglich wäre. Aber auch mein bereits erwähnter Assistent ist unentbehrlich. Er unterstützt mich in der Arbeit mit den Kindern (vor allem mit jenen, die sehbehindert und mir daher in gewissen Bereichen überlegen sind), aber auch darüber hinaus, wie Sie im zweiten Teil meines Berichtes noch hören werden.

Kurz vor 12 Uhr ist für heute mein Unterricht beendet und ich mache mich auf den Heimweg. Meine Wohnung liegt nur 5 Gehminuten von der Schule entfernt. Ich genieße mein Mittagessen und eine Stunde Pause. Danach gehe ich zurück in die Schule, wo mich mein Assistent schon erwartet. Wie vereinbart hat er alle Hefte, Bücher und Mappen der Schüler eingesammelt und wir beginnen mit der Korrektur. Er liest mir die Arbeiten meiner Schüler vor und ich sage ihm, was er ausbessern oder dazuschreiben soll. Nach ca. 1 ½ Stunden sind wir fertig und ich beeile mich, wieder nach Hause zu kommen, weil in einer halben Stunde die Videokonferenz mit meinem Professor in New York beginnt. Ich absolviere derzeit ein berufsbegleitendes Masterstudium im Bereich des Englischunterrichts der Sekundarstufe an einer New Yorker Universität, das teilweise von den Professoren bei uns in Innsbruck und teilweise im Fernstudium durchgeführt wird. Ich logge mich also auf der universitätseigenen Kommunikationsplattform ein und schon geht’s los. Nach 2 Stunden verabschiede ich mich vom Professor und meinen Studienkollegen, die auch an der Konferenz teilgenommen haben und steige aus der Website wieder aus. Mein Kopf raucht, aber noch ist mein Arbeitstag nicht beendet. Es müssen noch einige Unterrichtsvorbereitungen für den nächsten Tag geschrieben und ein paar Arbeitsblätter ausgedruckt werden. Endlich hab ich es geschafft und fahre meinen Computer herunter, um mich in die Freizeit zu verabschieden. Heute ist Chorprobe und meine beiden Freunde, die mich immer abholen, klingeln schon an meiner Tür. Nach einem gemütlichen gemeinsamen Abendessen sind wir im Probenraum angekommen. Beim Singen kann ich mich so richtig entspannen und neue Energie tanken. Ich bin in der Gemeinschaft aller anderen sehenden Chormitglieder völlig integriert und genieße es, mit ihnen zusammen zu sein.

Meiner Meinung nach führe ich ein sehr erfülltes Leben. Meine Arbeit bereitet mir viel Freude, die mich so manche der auftauchenden Schwierigkeiten und Herausforderungen annehmen lässt. Dasselbe gilt auch für mein Studium, das zugegebenermaßen mit vielen Hindernissen verbunden ist, weil es noch nie von einem Blinden absolviert wurde und ich viel Pionierarbeit leisten muss. Meine Familie und viele Freunde, die mich tatkräftig unterstützen, geben mir Kraft, alle Barrieren zu überwinden und meinen Weg weiter zu gehen.

Ein Bericht von Bianca Vonmetz