Die vier Damen auf unserem Bild rechts halten Zeichen in unterschiedlicher Größe. Da sie aber unterschiedlich weit von der Kamera entfernt sind, wirken die Zeichen gleich groß.
Je größer ein Gegenstand ist, desto weiter entfernt können wir ihn noch erkennen. Irgendwann werden die Details dieses Gegenstandes immer unkenntlicher, bis wir schließlich nur noch einen Punkt in der Ferne wahrnehmen. Diese Tatsache hängt mit dem Auflösungsvermögen unseres Auges zusammen. Die Anzahl der Sinneszellen auf der Netzhaut am Augenhintergrund ist begrenzt. Die Anzahl der funktionierenden Sinneszellen bestimmt das Auflösungsvermögen und damit unsere Sehschärfe.
Entscheidend ist bei der Ermittlung der Sehschärfe die Größe des Gegenstandes und dessen Entfernung, also der Winkel, unter dem die Lichtstrahlen des Gegenstandes auf unsere Netzhaut auftreffen.
Ein gesundes Auge kann zwei Punkte in einem Abstand von ungefähr einer Winkelminute (= 1/60 Winkelgrad) noch getrennt erkennen. Liegt eine Sehbeeinträchtigung vor, muss dieser Winkel entsprechend größer sein. Ausgedrückt wird dieser Sachverhalt durch die Angabe der Sehschärfe (Fachausdruck "Visus"). Ein Visus von 0,1 bedeutet beispielsweise, dass ein Gegenstand zehn Mal so groß sein muss, damit ein Sehbehinderter ihn so gut erkennen kann, wie ein Normalsehender.
Die Sehschärfe gibt also einen Vergleichswert an. Wenn ein Zeichen, das von einem "Normauge" auf zehn Metern noch erkannt werden kann, von einer sehbehinderten Person erst auf zwei Meter richtig gesehen wird, liegt die Sehschärfe bei einem Fünftel oder 0,2.
Gelegentlich wird die Sehschärfe auch in Prozent angegeben, was bedeuten würde, dass unser Klient eine Sehschärfe von 20% aufweist. Angaben in Prozent können jedoch verwirrend sein, da es sich bei der Normangabe um einen durchschnittlichen Vergleichswert handelt. Wird unser Zehn-Meter-Kärtchen etwa noch auf zwanzig Meter richtig erkannt, liegt die Sehschärfe bei 200%. Und das klingt irgendwie doch merkwürdig.
Voraussetzung für Überprüfung der Sehschärfe ist eine optische Grundversorgung mit Brillen oder Kontaktlinsen. Es hat also keinen Sinn, die Brillen bei einem Sehtest abzunehmen, außer man will sich bewusst machen, wie wichtig die eigene Brille ist.
Gemessen wird die Sehschärfe mit verschiedenen Sehzeichen. Oft werden Tafeln mit Buchstaben oder Ziffern verwendet, die in einem regelmäßigen Verhältnis immer kleiner werden. Rechts sehen Sie beispielsweise die vom SZB entwickelte Bailey-Tafel.
Wir verwenden in unserer Beratungsstelle auch Kärtchen mit einem offenen Ring, die gedreht werden, so dass die Öffnung jeweils in eine andere Richtung erfolgt. Dabei entferne ich mich mit dem Kärtchen immer weiter. Der Klient muss die Richtung der Öffnung angeben und ich erkenne an Unsicherheiten oder Fehlern, dass die Sehleistung an eine Grenze gestoßen ist. Die Entfernung des Kärtchens vom Klienten wird dann gemessen und mit einer Normdistanz verglichen.
Die Sehschärfe ist nicht in jedem Lebensabschnitt gleich hoch. Das Sehvermögen eines Säuglings muss sich erst entwickeln, während es im Alter wieder abnimmt, auch wenn keine besondere Augenerkrankung vorliegt.
Eine reduzierte Sehschärfe hat im Alltag große Auswirkungen: Natürlich können Betroffene unter einem bestimmten Grenzwert nicht mehr Auto fahren. Sie erkennen Bekannte auf der Straße nicht mehr und haben Probleme beim Lesen. Unsere Aufgabe besteht darin, das vorhandene Sehvermögen als Potential zu sehen, das optimal ausgenützt werden soll.